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Schwerelos in Bremen – Das ZARM machts möglich

Der Wecker reißt mich viel zu früh aus dem Schlaf. Ich würde so gerne noch eine Weile liegen bleiben, doch unser erster Programmpunkt beginnt heute bereits um 9:00 Uhr. Also knipse ich die coole blaue Beleuchtung hinter dem Bett an und schwinge mich aus selbigem. Fix ins Bad, dann rein in die Klamotten und runter in den Frühstücksraum. Auch wenn die Zeit etwas knapp ist, frühstücken muss sein. Vor allem, wenn es so eine coole Pancakemaschine gibt wie im ibis Styles in Bremen. Die wird von mir und meinen Mitreisenden im noch recht leeren Frühstücksraum auch mit Freude genutzt. Um kurz nach acht stehen wir vier dann abfahrbereit an der Bus-/Bahnhaltestelle, die sich zum Glück direkt vor dem Hotel befindet. Über den Hauptbahnhof geht es zunächst mit dem Bus und anschließend mit der Straßenbahn zur Universität Bremen.

Es ist noch ein wenig frisch, als wir an der Endstation der Linie 6 ins Freie treten und uns orientieren. Unser Ziel ist natürlich gut sichtbar, schließlich handelt es sich um einen 145 Meter hohen Turm – das ZARM (Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation). Da wir noch ein wenig Zeit bis zum Beginn unserer Führung haben, wechseln wir die Straßenseite, um den Fallturm ganz aufs Bild zu bekommen. Von hier draußen sieht das Gebäude schon beeindruckend aus und wir sind gespannt, was uns in seinem Inneren erwartet.

Zunächst einmal erwartet uns eine freundlich lächelnde Lucie Arndt, die in der Kommunikationsabteilung des ZARM arbeitet und sich heute ganz viel Zeit für vier neugierige Luft-und Raumfahrtfans nimmt. Sie zückt ihre Zugangskarte und wir treten durch einen geräumigen Aufzug hindurch in die heiligen Hallen der Forschungseinrichtung. Links von uns ragt die Fallröhre in die Höhe, ganze 119 Meter ist sie hoch. Lucie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine davor platzierte Apparatur, die wie eine riesige aufgeschnittene Getränkedose aussieht. Es handelt sich um eine Kapsel, in der sich die Experimente, die in der Fallröhre durchgeführt werden, befinden.

An einem der Tische trifft gerade ein Team der TU Braunschweig die letzten Vorbereitungen für ein Experiment, das noch heute durchgeführt werden soll. Auch hier sehen wir wieder eine der 2,5 Meter hohen und 80 Zentimeter breiten Fallkapseln, diesmal aber natürlich nicht aufgeschnitten. „Zu uns kommen Forscherteams aus allen Ecken der Erde!“ erzählt uns Lucie. Kein Wunder, denn zumindest in Europa ist der Bremer Fallturm einzigartig und weltweit gibt es insgesamt nur drei solcher Einrichtungen. Ansprechpartner für alle Teams, die ans ZARM kommen, ist Thorben Könemann – wissenschaftlicher Leiter der Einrichtung.  Auch heute ist er vor Ort und begleitet uns ins Herzstück des ZARM: Die Fallröhre.

Thorben Könemann lässt uns erstmal in Ruhe ankommen und staunen. Mein Blick wandert über die gelben Wände, nach oben in die Fallröhre und auf den Boden, auf dem hier und da kleine weiße Kügelchen liegen. Es gibt zwei Möglichkeiten, hier Experimente in Schwerelosigkeit durchzuführen: Entweder zieht man die Fallkapsel, in der sich das jeweilige Experiment befindet, mit einer Seilwinde 119 Meter nach oben und lässt sie fallen oder man katapultiert sie nach oben. Thorben Könemann öffnet eine Luke im Boden und lässt uns einen Blick auf das Katapultsystem werfen. Entscheidet man sich für diese Variante, wird die Kapsel elf Meter tief in den Boden gezogen und dann nach oben katapultiert. So erreicht man nicht nur 4,74 Sekunden Schwerelosigkeit, sondern 9,3 Sekunden (Hochschießen + Fallen). Und das ist tatsächlich einmalig auf der Welt. Die Kapseln prallen nach ihrem Flug natürlich nicht einfach unten auf dem Boden der Fallröhre auf. Sie landen in einem acht Meter hohen, mit Styroporkügelchen gefüllten Abbremsbehälter, der unter der Fallröhre platziert wird. Dieser Behälter befindet sich links von uns und da wir direkt unter der Röhre stehen, auch links von dieser. In meinem Kopf fängt es an zu arbeiten und ehe ich meine Frage formulieren kann, kommt mir einer meiner Reisebegleiter zuvor: „Wird die Kapsel durch den Abbremsbehälter hindurch nach oben geschossen?“ Dem ist nicht so. Thorben Könemann erklärt uns, dass der Behälter innerhalb von drei Sekunden an die richtige Stelle schwingen kann und daher auch beim Katapultstart rechtszeitig parat steht, um die Kapsel aufzufangen.

„Vorsicht, bitte einmal zur Seite treten!“ höre ich es hinter mir und mache dem Team der TU Braunschweig Platz, das seine Kapsel nun in den Fallturm hineinrollt. Das Experiment soll nur die Hälfte der möglichen Zeit schwerelos sein, also wird die Kapsel nicht katapultiert, sondern an die Seilwinde gehängt. Wir schauen gespannt zu, wie alles fertig montiert wird und die Kapsel schließlich langsam über uns in der Fallröhre verschwindet. Dort hängt sie jetzt ersteinmal 1,5 bis 2 Stunde, bevor sie mit 170 km/h nach unten saust. Vorher muss nämlich ein Vakuum hergestellt werden, damit möglichst kein Luftwiderstand während des Experiments vorhanden ist. Das heißt für uns, nichts wie raus aus der „Gefahrenzone“.

Bevor wir dem ZARM aufs Dach steigen, dürfen wir noch einen Blick in die Schaltzentrale werfen. Hier kann auf den Monitoren sowohl das Innere der Kapsel als auch das, was im Fallturm passiert, beobachtet und überwacht werden. Der Leiter des jeweiligen Projektes darf sogar selbst das Knöpfchen drücken, um seine Kapsel zum Fallen zu bringen. Das muss ein sehr spannender Moment sein, den wir heute aus zeitlichen Gründen – schließlich steht noch eine Führung am DLR an – nicht miterleben können. Dafür nutzen wir die restliche Zeit aber noch für eine tolle Rundumsicht auf Bremen. Lucie führt uns wieder in den Aufzug, durch den wir zu Beginn der Führung in die Halle gelangt sind. Jetzt geht es mit ihm ein paar Meter nach oben. Dort überqueren wir auf einer Brücke die Halle und steigen in einen kleinen Aufzug direkt im Fallturm.

Damit die Experimente in der Schwerelosigkeit nicht von äußeren Einflüssen – wie bspw. dem Wind – gestört werden, ist die Fallröhre nicht mit dem Fallturmgebäude verbunden. Das wird deutlich, als wir am oberen Ende der Fallröhre aus dem Aufzug steigen und beobachten können, wie diese zu schwanken scheint. In Wirklichkeit ist es allerdings das Gebäude, das vom Wind hin- und hergeschaukelt wird – die Röhre steht still. Für uns geht es zu Fuß weiter. Wir durchqueren einen Seminarraum, der auch als Trauzimmer genutzt werden darf, und steigen bis in die Glaskuppel des Turmes hinauf. Was für ein traumhafter Blick über Bremen, vor allem bei dem Wetter! Auf den Glasscheiben stehen Entfernungen zu unterschiedlichen Zielen und ich entdecke auch sofort, wo es Richtung Heimat – in dem Fall Richtung DLR Köln – geht.

Nach zwei intensiven und unglaublich spannenden Stunden am ZARM bringt uns Lucie wieder nach unten und verabschiedet sich. Es hat sich mal wieder bestätigt, dass in der Raumfahrt(forschung) unglaublich coole und sympatische Menschen arbeiten. An dieser Stelle noch einmal ein dickes Dankeschön an Lucie Arndt und Thorben Könemann.

Ihr möchtet auch einmal in die heiligen Hallen des ZARM schauen? Hier gehts zu den Infos rund um Führungen.

Vielen Dank an die BTZ Bremer Touristik Zentrale für die Einladung zu dieser wunderbaren Kurzreise. Mein Dank gilt insbesondere Maike Bialek für die tolle Organisation. Meine Meinung ist wie immer meine eigene und wird durch die Einladung nicht beeinflusst.

 

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