Aachen, Deutschland, Gebrauchsanweisung für
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Gebrauchsanweisung für Aachen: Die Öcher lieben ihren Karl und seit 2014 auch ihre Kärle

Am Vormittag des 28.01.2014 erwachte plötzlich schimpfend und fluchend ein neuer Twitteraccount: „Aua! Ich hab was im Kreuz!“ Es folgte Verwirrung über drei vorhandene Schienbeine und schiere Verzweiflung, als die Person feststellen musste, dass ihr die Schädeldecke fehlte. Wenige Schimpftiraden später bequemte sich besagte Person schließlich, sich der digitalen Welt vorzustellen: „Hallo, ich bin Karl, Euer Kaiser für diese Woche!“ Auf den Tag genau 1.200 Jahre nach seinem Tod erwachte also Karl der Große im Aachener Dom und übernahm den Rotation Curation Account wirliebenAC. Auch nach der Curatoren-Woche blieb er der begeisterten (Aachener) Twitterwelt erhalten und verschwand erst ein Jahr später wieder in seinem Schrein.

Oberkörper

Der Twitteraccount zeigt es schon ganz gut: Die Aachener lieben ihren Karl noch immer und lassen kaum eine Gelegenheit aus, ihn in den Vordergrund zu rücken. In 2014 erreichte diese Verehrung ihren Höhepunkt. Die Aachener feierten im Karlsjahr den 1.200sten Todestag des Kaisers. Wenn ihr mich fragt, ist es schon ein wenig verrückt, ein Todesjubiläum mit so viel Tamtam und Fröhlichkeit zu feiern. Aber das bestätigt ja nur wieder meine eingangs getroffene Aussage.

Haus Löwenstein

Im Karlsjahr wurde Aachen förmlich überrannt von Geschichtsbegeisterten und Kulturfreunden. Alle wollten im Dom den Karlsschrein bewundern und die drei Sonderausstellungen zu Ehren des toten Kaisers besuchen. Sie strömten in die Domschatzkammer, den Krönungssaal im Rathaus und das jüngst eröffnete Centre Charlemagne. Und damit bewegten sich die Besucher genau dort, wo sich auch Karl der Große aufhielt, wenn er in Aachen weilte: Zwischen Kaiserpfalz und Pfalzkapelle. Der riesige Gebäudekomplex, der damals die beiden Bauwerke miteinander verband, existiert heute nicht mehr in der ursprünglichen Form. Und wie unschwer zu erkennen ist, hat sich die achteckige Pfalzkapelle zu einem stattlichen Dom gemausert. Wer ein Bild davon bekommen möchte, wie Aachens Zentrum zu Zeiten Karls des Großen ausgesehen hat, sollte einmal im Stadtmuseum am Katschhof vorbei schauen.

Thron (1 von 1)

In Aachener Manier möchte ich Karl den Großen in diesem Beitrag in den Vordergrund rücken und euch unseren Kaiser einmal vorstellen. Dass Karl die Karriereleiter vom König der Franken bis zum Kaiser hinaufkletterte, ist wohl allgemein bekannt. Doch was war er für ein Mensch? Zunächst waren da seine drei großen Leidenschaften: Das Führen von Schlachten, das weibliche Geschlecht und der christliche Glaube. Wenn man so will, bestand das Leben Karls des Großen aus zwei sich ständig wiederholenden Sünden und gleichzeitg aus der innigen Liebe zu Gott. Er soll fünf Mal verheiratet gewesen sein und auch nach dem Tode seiner letzten Frau keineswegs enthaltsam gelebt haben. Dabei sollen so viele Kinder das Licht der Welt erblickt haben, dass man sogar munkelt, rund 2% der Europäer würden von Karl dem Großen abstammen.

Rathaus und Brunnen

Monogramm

Doch Karl war auch der Kultur sehr zugetan und versammelte unzählige Gelehrte um sich. Sein wichtigster Wegbegleiter war wohl Einhard, der Biograph Karls des Großen. Der Kaiser selbst konnte weder Lesen noch Schreiben. Als Unterschrift diente das sogenannte Karlsmonogramm, bei dem Karl einzig einen Vollziehungsstrich zufügte. Für die damalige Zeit hatte der Franke einen außerordentlich guten Gesundheitszustand und wurde demnach sehr alt. Bei einer Jagd 813 fing er sich eine Erkältung ein, die sich zu einer Lungenentzündung auswuchs. Kurz darauf verstarb er in Aachen, wo er auch beigesetzt wurde. Nach guter alter Sitte hätte er neben seinem Vater in Saint-Denis begraben werden müssen, doch die Aachener wollten ihren Karl auch nach seinem Tode behalten. Diese Entscheidung war wohl nicht ganz uneigennützig, denn so konnten sie die Bedeutung ihrer Stadt aufrecht erhalten.

Kärle

Im Karlsjahr marschierte eine Truppe aus roten und goldenen Kunststofffiguren auf den Katschhof und ließ sich dort für zwei Wochen nieder, um sich anschließend in der gesamten Stadt zu verteilen. Die Aktion Mein Karl wurde von dem Künstler Ottmar Hörl insziniert und war mit der Auflage verbunden, dass für 500 Karlsfiguren im Voraus Paten gefunden werden, damit sie überhaupt stattfinden konnte. Das Konzept ging auf und so wurden sogar 700 Figuren geschaffen. Im April standen die ca. 1 Meter hohen Kärle – eine Wortschöpfung aus dem Kreis der Aachener Twitterer – auf dem Katschhof und somit auch im Mittelpunkt der Kaiserstadt. Das gefiel Karl dem Großen natürlich gar nicht und so empörte er sich über den Social Media Kanal öffentlich.

Jessi und Karl (1 von 1)

Auch unabhängig vom Karlsjahr ist Karl der Große allgegenwärtig in Aachen. Dazu tragen seit 2014 die 700 Kärle bei. Wandelt man aufmerksam durch die Stadt, kann man immer wieder eine der roten oder goldenen Figuren entdecken – hinter Schaufenstern, in Gärten, auf Hausvorsprüngen…

Karlsfigur

Wer keine Lust auf Kunst, aber auf Kultur und Geschichte hat, der kann einen Rundgang auf der Route Charlemagne machen. Am besten startet man am Centre Charlemagne, denn dort erhält man auch den entsprechenden Flyer. Die Route verbindet neun für Aachen sehr bedeutende Stationen miteinander, auch wenn Karl der Große nicht immer seine Finger mit im Spiel hatte.

Wegweiser

Bleiben noch zwei Fragen zu beantworten: Warum hat Karl via Twitter seine Schädeldecke gesucht? Und wie kann jemand, der des Schreibens und Lesens nicht mächtig ist, überhaupt twittern? Die Erste Frage lässt sich recht einfach beantworten. Im Mittelalter sind zur Verehrung verstorbener „Promis“ häufig Knochen als Reliquien verteilt worden. Und so kam es, dass die Schädelplatte des Kaisers in eine güldene Büste integriert wurde. Die kann übrigens in der Domschatzkammer bewundert werden. Die zweite Frage kann ich mir nur durch 1.200 Jahre erklären, in denen dem Kaiser sicherlich recht langweilig war…

Nachtrag: Pünktlich zu seinem Geburtstag ist Karl wieder auferstanden und hat mich auf Twitter gleich auf einen Fehler hingewiesen. „Habt ihr mal einen Federkiel über Ziegenleder geführt? So filigran wie ihr bin ich nicht – nach all den Schwertkampfübungen. Aber Lesen habe ich schon damals gekonnt. Und tippen ist jetzt auch nicht so die Herausforderung.“ Karl konnte also doch lesen und schreiben.

Noch mehr Gebrauchsanweisungen für Aachen gibt es hier.

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6 Kommentare

  1. Hallo Jessi,

    ich habe Deinen Blog vor Kurzem in „Top Blogs“ entdeckt und seitdem immer mal wieder reingeschaut. Sehr cool, was Du da machst!
    Deswegen habe ich Dich jetzt für den „Liebster Award“ nominiert. Schau doch bei Gelegenheit mal hier vorbei: http://http://suzy-bis-zum-horizont.de/liebster-award . Dort findest Du die „Spielregeln“ sowie elf Fragen an Dich.
    Ich freue mich auf Deine Antworten und wünsche Dir weiterhin viel Spaß beim Reisen und Bloggen.
    Suzy

    • Jessi sagt

      Hallo Suzy,

      das freut mich, wenn dir Fernweh und so gefällt. Vielen Dank auch für die Nominierung!

      Liebe Grüße
      Jessi

  2. Ich möchte das Karl wieder twittert. Das war einfach ein Genuß. Wir haben viel miteinander gequatscht.

    Bitte lieber Karl, steh aus deinem Grab auf und twittere weiter über Achen und so.

    LG
    Margarete

    • Jessi sagt

      Liebe Margarete,

      da kann ich dir nur zustimmen! Und er scheint dich erhört zu haben. Seit heute ist er wieder da. :-)

      Viele Grüße
      Jessi

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