Nachtmichel: In einer aussergewöhnlichen Rooftop Bar das glitzernde Hamburg geniessen

Als ich beschlossen habe, dass wir die Treppe nehmen, habe ich dabei an eine steinerne Wendeltreppe gedacht. Eine Treppe, wie ich sie aus dem Kölner Dom kenne. Eine Treppe mit ausgetretenen Steinstufen, die sich rechts und links an eine Steinwand schmiegt und sich um das Innere des Turmes windet. Doch beim Hamburger Michel ist alles anders. Jetzt befinde ich mich auf einer Holztreppe, die frei im Raum steht und stets den Blick nach unten frei gibt. Ich bilde mir ein, dass sie auch ein wenig wackelt. Oder ist das gar keine Einbildung? Wir hätten auch den Aufzug nehmen können, aber nun ist es zu spät. Auf halbem Wege einfach umkehren kommt nicht in Frage. „Runter fahren wir dann aber,“ entscheide ich, während ich zaghaft den nächsten Treppenabschnitt betrete, beide Hände fest am Holzgeländer, das vom kondensierten Wasser ganz feucht ist.

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„Die fangen aber nicht gleich an zu läuten, oder?“ etwas verunsichert schaue ich von den sechs großen Glocken vor mir auf meine Uhr. Es ist 17:42 Uhr. Meine Begleitung zuckt nur mit den Schultern und ich bereite mich schon einmal darauf vor, mir die Hände auf die Ohren zu pressen. Gleichzeitig bezweifel ich allerdings, dass es läuten wird, da dies bei schreckhaften Menschen zu eventuellen Stürzen auf der Treppe kommen könnte. Drei Minuten später sind wir schlauer. Wir hören zwar Glockenschläge, aber die kommen woanders her. Ich bin erleichtert und setze meinen Weg fort.

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Der nächste Halt ist dem alten Uhrwerk der größten Turmuhr Deutschlands geschuldet. In einem Glaskasten drehen sich immer wieder die unterschiedlich großen Zahnräder. Die Informationstafel daneben lässt mich staunen, schließlich hat die Uhr einen Durchmesser von fast 8 Metern. Ich erfahre auch, dass die Konstruktion im Glaskasten nur noch der Anschauung und nicht mehr dem Betrieb der Uhr dient. Die beiden zu ihr gehörenden Glocken, die wir um viertel vor sechs gehört haben, hängen über der Aussichtsplattform. Dort kann wenigstens niemand vor Schreck die Treppe herunter fallen.

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Das Ende der unsympatischen Treppe rückt näher, gleich sind wir oben. Die Bar direkt unter der Aussichtsplattform lassen wir mit ihren bunten Lichtern links liegen. Ich muss jetzt einfach erst ganz unbedingt nach oben. Und als ich die Tür ins Freie aufstoße, bin ich schon ein wenig stolz, die 452 Stufen hinter mich gebracht zu haben. Der Stolz wird allerdings fast im selben Augenblick von einem anderen Gefühl abgelöst. Es ist das Gefühl, das in mir ausgelöst wird, wenn ich auf einer Plattform stehe und mir eine Stadt zu Füßen liegt. Das Gefühl, das entsteht, wenn mir ein solcher Ausblick den Atem verschlägt. Hamburg scheint ein einziges glitzerndes Lichtermeer zu sein.

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Als uns der Regen ins Gesicht schlägt und die Kälte in die Knochen kriecht, flüchten wir erst einmal ein Stockwerk tiefer. Da kann die Aussicht aus 106 Metern noch so schön sein. „Ich brauche auf jeden Fall was Warmes!“ antworte ich dem jungen Mann an der Bar, als er nach unseren Getränkewünschen fragt. Um das ganze zu unterstreichen, atme ich einmal kräftig aus. Selbst hier im geschützten Barbereich ist der Atem sichtbar. Wir suchen uns ein Plätzchen an einem der niedrigen Turmfenster, lauschen dem Regen, wie er auf das Kupferdach des Michels prasselt und wärmen unsere Hände an den mit Punsch gefüllten Bechern.

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Während wir die Aussicht aus dem kleinen Fenster genießen und unsere Becher leeren, kommen immer mehr Menschen von oben in die Bar. Sie haben sich nicht auf der hölzernen Treppe abgemüht, sondern den Aufzug genommen. Und das werden wir jetzt auch tun. Der Regen hat sich wieder verzogen und so drehen wir noch eine Runde ganz oben über Hamburg. Als sich die Tür zum Aufzug öffnet, muss ich schmunzeln. Der hell erleuchtete, runde Raum erinnert mich stark an Star Trek. Gebeamt werden wir zwar nicht, schnell ist der modernisierte Aufzug trotzdem und nur 34 Sekunden später sind wir wieder unten.

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Kleiner Tipp am Schluss: Wer zu einer etwas späteren Stunde den Nachtmichel besucht, kann auch noch die Turmbläser erleben.

Vielen Dank an HRS, die meine Reise nach Hamburg unterstützt haben.

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