Von einer elefantösen Panikattacke in der Schwebebahn und weiteren Wuppertaler Kuriositäten

„Willkommen in Wuppertal!“ Strahlend kommt mir Meike am Barmer Bahnhof entgegen.  Sie wird mir heute ihre Heimatstadt zeigen, die so viel mehr zu bieten hat als die berühmte Schwebebahn. Und das ist auch gut so, denn sonst wäre unser kleines Reisebloggertreffen wahrscheinlich ausgefallen oder wir wären einfach einen Kaffee trinken gegangen und hätten nett geplaudert. Denn ausgerechnet in der Woche vor meinem Wuppertalbesuch wird die Bahn zum Stillstand gezwungen: Ein Teil der Stromschiene löst sich und fällt auf die Straße. Menschen kommen im Gegensatz zum Absturz Ende der 90er nicht zu Schaden. Schon merkwürdig, wenn sich keine Waggons die Konstruktion über der Wupper entlangschlängeln. Das ist allerdings nicht das einzig Merkwürdige; Meike hat allerlei kuriose Geschichten auf Lager.

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„Der Bahnhofskiosk hier gehört übrigens dem Schwager eines Wiener Opernsängers.“ Meike führt mich in die Eingangshalle des Barmer Bahnhofs und erzählt mir, dass die Zukunft des denkmalgeschützten Gebäudes nach der Schließung von Alfred Bioleks Disco „Barmer Bahnhof“ immer mal wieder ungewiss war, bis Kurt Rydl es kaufte. Der neoklassizistische Bau wird außen durch eine Uhr geschmückt, die nicht nur Meike in ihrer Kindheit sondern jetzt auch mich zum Nachdenken anregt. Warum sind die Buchstaben gerade auf diese Weise angeordnet worden? Steckt ein System dahinter oder handelt es sich um reinen Zufall?

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 Wenige Schritte weiter treffen wir auf einen sehr geschichtsträchtigen Ort. In dem schieferbedeckten Haus mit den grünen Fensterläden hat Friedrich Engels seine Kindheit verbracht, dessen Eltern zu den wichtigen Industriellen gehörten, die Wuppertal in vergangenen Zeiten sehr reich gemacht haben. Die ehemalige Textilfabrik gleich hinter dem Wohnhaus beheimatet heute ein entsprechendes Museum. Die erbärmlichen Arbeitsbedingungen in der elterlichen Fabrik haben Engels‘ weiteren Lebenslauf enorm beeinflusst. Doch der Ort, an dem heute zu unserer Freude ein Oldtimertreffen stattfindet, hat eine weitere kuriose Geschichte zu erzählen. Unweit des Engelshauses ist niemand geringeres als Erich Honecker 1987 zu seinem ersten BRD-Besuch mit dem Heli gelandet. Inmitten der anwesenden Menschenmassen kam es zu einer ungewöhnlichen Begegnung: Udo Lindenberg ließ es sich nicht nehmen, dem Politiker eine Lederjacke und eine E-Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“ zu überreichen.

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 „Ah, da ist es ja. Siehst du den Elefanten da an der Wand? Genau hier ist Tuffi aus der Bahn gesprungen.“ Tuffi, die Namensgeberin der Milchprodukte aus NRW, war eine Elefantendame, die 1950 mit dem Zirkus in Wuppertal gastierte. Für Werbezwecke wurde die damals 4jährige in die Schwebebahn geführt und geriet während der Fahrt in Panik. Dabei bahnte sie sich einen Weg durch die geschlossenen Türen und sprang in die Wupper. Elefant und anwesende Journalisten blieben weitestgehend unverletzt, allerdings sah sich auch niemand in der Lage, den Vorfall bildlich festzuhalten. So existieren heute lediglich Fotomontagen. Das Gericht stellte damals fest: „Die Schwebebahn ist als Transportmittel für Elefanten ungeeignet.“

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Elefanten spielen in Wuppertal auch weiterhin eine besondere Rolle. Der Zoo ist äußerst erfolgreich bei ihrer Züchtung und hat nun auch einen kleinen Dickhäuter nach Pina Bausch benannt. Ob das der 2009 in Wuppertal verstorbenen Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin und Ballettdirektorin gefallen hätte, sei dahin gestellt. Elefanten sind nicht gerade für ihre Grazie berühmt und es wäre wohl so langsam an der Zeit stattdessen eine Straße oder einen Platz nach der berühmten Wuppertalerin zu benennen. „Besonders schön wäre es ja, wenn der Platz vor dem Schauspielhaus nach ihr benannt werden würde, aber das macht jetzt wohl nicht mehr so viel Sinn…“ Ich folge Meikes Blick zu dem 60er Jahre Bau, an dem Pina Bausch wirkte, und muss ihr Recht geben. Schließlich ist das Theater seit Juni aufgrund fehlender Finanzen geschlossen. Ein trostloser Anblick.

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Direkt neben dem Schauspielhaus bekommen wir die Schwebebahn dann doch noch zu Gesicht. Noch immer hängt sie an genau der Stelle, an der sie in der vergangenen Woche zum Stillstand kam und die Passagiere über der Wupper unfreiwillig aussteigen mussten. Auch die Stromschiene hängt wie eine Schlange über Fluss und Brückengeländern. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was hätte passieren können. Und so geht es wohl auch den Wuppertalern, die kopfschüttelnd und betroffen auf ihre geliebte Schwebebahn starren. Unser Weg führt uns anschließend nach Elberfeld, einem ehemals sehr feinen Stadtteil. Selbst der Kaiser soll in der Schwebebahn zu seiner Gattin gesagt haben, sie solle den Hut aufziehen, sie kämen nun nach Elberfeld.

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„Wenn man sich abends auf ein Bierchen verabredet, dann trifft man sich meist hier am Casinokreisel.“ Meike zeigt auf eine Straßenkreuzung, auf der weit und breit kein Kreisel zu sehen ist. Es gab allerdings mal einen, im Gegensatz zu einem Casino. Namensgeberin für diesen Ort war die Gesellschaft „Casino“. „Trotzdem weiß jeder, was gemeint ist!“ Gleich am Casinokreisel entdecke ich eine interessante Skulptur – ein Anzug-Träger im Handstand. Meike erzählt mir, dass er zu Beginn auch eine Krawatte trug, die allerdings ganz schnell verschwunden war. Seitdem hängen ihm die Wuppertaler immer mal wieder Stoffkrawatten um den Hals und im Winter trägt er auch schon mal eine Mütze. Wir laufen ein Stück und gelangen zu einer der vielen Treppen der Stadt. Da Wuppertal teilweise sehr steile Straßen hat und die Arbeiter früher vor allem zu Fuß unterwegs waren, legten sie rund 500 öffentliche Treppen an. Eine der bekanntesten Treppen steigen wir nun hinauf: Das Tippen-Tappen-Tönchen. Es gibt sogar einen Karnevals-Schlager zu dieser Treppe.

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Den Nachmittag lassen wir im Café Stilbruch ausklingen, das seinem Namen alle Ehre macht. Mein Tee wird mir in einem Bierglas serviert… Meike erzählt mir noch, dass  derzeit immer wieder Grabungen in Wuppertal stattfinden, da das Bernsteinzimmer nun hier vermutet wird. So geht unser kleines Treffen in Wuppertal auch kurios zu Ende.

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Vielen Dank an Meike, die mir ihr Wuppertal auf eine spannende und lustige Weise gezeigt hat und mich mit Karten und Magneten aus ihrer edition knapp daneben beschenkt hat. Meine Ansichten sind wie immer meine eigenen.

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7 comments

  1. Toll diese ganzen kleinen Geschichten die man meist nur mitbekommt wenn man längere Zeit in einer Stadt wohnt oder eher noch dort aufgewachsen ist. Muss bestimmt eine tolle tour gewesen sein von so einer Ortskundigen herumgeführt zu werden. Und schön das es noch Leute gibt die sich für mehr interessieren als: wo ist das nächste Einkaufszentrum, wo kann ich Feiern gehen und wo muss ich morgens hin wenn ich zur Arbeit muss.
    Viele Grüße Timo

  2. Diese Treppen… Wie cool. Ich wollte mich ja eigentlich auch mal mit Meike dort treffen, bisher kenn ich leider nur den Zoo und die Schwebebahn (die ich sooo liebe). Ich werd mir das mal für kommendes Jahr vormerken und hoffe, das ich Meike dann auch dazu noch mal gewinnen kann 😀

  3. Interessant. Ich hab eigentlich nach was ganz anderem gesucht und hab mich dann bei dir hier festgelesen. Ausgerechnet in Wuppertal, wo mich nichts mit dieser Stadt verbindet. Aber du erzählst es so spannend, und ich wollte wissen, wie das mit dem Elefanten war… 🙂

    Viele Grüße,
    Lena

    • Das freut mich aber, vielen Dank! 🙂
      Ein Besuch von Wuppertal lohnt sich!

      Liebe Grüße
      Jessi

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