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Mainz für Anfänger oder Von roten Straßenschildern, wertvollen Bibeln und drei wichtigen W

Als ich in das Hotelfoyer trete, kommt mir Johanna Hein schon lächelnd entgegen. Wir werden heute gemeinsam Mainz erkunden. Das heißt, Johanna Hein wird erzählen und ich werde versuchen, mir so viel wie möglich zu merken. Ursprünglich kommt die Stadtführerin aus Eindhoven, doch nach zwölf Wohnortwechseln lebt sie schon seit langer Zeit in Mainz. „Ich gebe hauptsächlich englische Führungen“, erzählt sie mir und schiebt mit einem Augenzwinkern hinterher, dass ihre deutschen Kollegen heute wahrscheinlich alle frei haben, um Fastnacht zu feiern. Johanna Hein ist nicht so jeck wie ihre Kollegen, kann mir aber trotzdem viel über die fünfte Jahreszeit in Mainz erzählen.

Gutenberg

Unsere erste Station ist der Fastnachtsbrunnen auf dem Schillerplatz. Er wurde in dem Jahr gestaltet, in dem die Tochter des Erbauers Fastnachtsprinzessin in Mainz war. Johanna Hein erzählt mir, dass Mainz nicht in jedem Jahr ein Prinzenpaar hat, sondern nur zu Jubiläen und in weiteren besonderen Jahren. Sie deutet immer wieder auf einzelne Figuren, die den Brunnen zieren und erläutert sie mir. „Dort unten streift ein Kater um den Brunnen herum. Was der mit der Fastnacht zu tun hat, wissen wir wohl alle“, erzählt sie schmunzelnd. Neben dem Kater hockt ein kleines Männchen mit einer Geldbörse. Statt einen Nubbel zu verbrennen, waschen die Mainzer am Aschermittwoch ihre Geldbeutel aus, die sich über die Fastnachtswoche geleert haben. Am Schluss bittet sie mich noch, mir den Brunnen als Ganzes anzuschauen und verrät mir dann, dass das Grundgerüst den Domturm darstellt, nur verkehrt herum. „An Fastnacht stehen alle Kopf und das gilt hier auch für den Domturm!“

Fastnachtsbrunnen 2

Fastnachtsbrunnen 1

Als wir schon weiter ziehen wollen, fällt Johanna Hein noch etwas für die Mainzer sehr Wichtiges ein, das sie mir ebenfalls anhand des Brunnens erläutern möchte. Zwischen all den Figuren entdecke ich ein Wappen, das dreimal den Buchstaben W zeigt. „Das steht für Weck, Worscht und Woi“, lautet die Antwort auf meinen fragenden Blick. Diese drei Dinge sollen mir in Mainz noch des Öfteren begegnen, unter anderem morgen nach dem Zug. Jetzt geht es aber wirklich weiter, wenn auch nur ein kurzes Stück. An der nächsten Häuserecke lässt sich sehr gut erkennen, dass es in Mainz ganz besondere Straßenschilder gibt – blaue und rote. Die Straßen mit roten Schildern führen zum Rhein, die mit blauen Straßenschildern verlaufen parallel zum Fluss. Wenn man außerdem wissen möchte, ob man sich gerade auf den Rhein zu oder von ihm weg bewegt, sollte man auf die Hausnummern achten. Die werden nämlich zum Fluss hin kleiner.

Straßenschilder

Wir folgen ein Stück der Ludwigsstraße, die von Fahnen in den Farben der Mainzer Fastnacht flankiert wird. Auch das Staatstheater, vor dem zwei Tribünen aufgebaut sind, hat sich rausgeputzt. Ihm gegenüber schaut Johannes Gutenberg auf die Szenerie herab, natürlich mit einer Narrenkappe auf dem Kopf.

Auf dem Markt herrscht Volksfeststimmung. Neben Wurstbratereien und Bierbuden kann ich sogar Karussels entdecken. Doch uns interessiert viel mehr die Häuserkulisse. Die sieht zwar alt aus, ist es aber nicht. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg und der starken Zerstörung der Mainzer Altstadt sind die Fassaden so gestaltet worden, wie wir sie heute vorfinden. Den schönen bunten Häusern gegenüber thront der Mainzer Dom – unser nächstes Ziel.

Staatstheater

„Ganz schön düster!“ ist mein erster Gedanke als ich den Dom betrete. Nicht vorzustellen, wie dunkel es in grauer Vorzeit hier drinnen gewesen sein muss, denn da hatte der Dom noch keine großen Fenster. Um das Gotteshaus zumindest am Tage seiner Weihung zu erleuchten, stellte man auf die damalige Holzdecke Schalen mit brennendem Pech. Und das führte dazu, dass der Dom nicht nur leuchtete sondern lichterloh brannte. Das war nur die erste von vielen weiteren Zerstörungen des Mainzer Doms. Johanna Hein lenkt meine Aufmerksamkeit auf die vielen Grabplatten, die heutzutage alle an Wänden und Pfeilern hängen, teilweise aber einmal als Grabdeckel dienten. Ich lerne, dass man letzte unter anderem an dem Kissen erkennt, dass sich dann hinter dem Kopf der dargestellten Person befindet.

Markt

Wir verlassen den Dom durch die Hintertür, um noch einen Blick in den schönen Kreuzgang zu werfen. Anschließend machen wir uns auf den Weg zum nahegelegenen Gutenbergmuseum. Dort führt uns unser Weg erst einmal nach unten in die Werkstatt. Normalerweise geben sich hier Gruppen die Klinke in die Hand, doch heute gibt es eine Privatvorstellung ganz für mich alleine. Das heißt, nicht ganz für mich alleine, denn zu uns gesellen sich zwei Asiatinnen, die erst kürzlich ihre theoretische Prüfung zur Stadtführerin abgelegt haben und sich nun auf den praktischen Teil vorbereiten. Statt dicht gedrängt in einer großen Gruppe stehen wir also nun zu dritt vor dem Werkstattbereich, in dem Johanna Hein den Druckvorgang vorbereitet. Während die Farbe ein wenig antrocknet, erläutert uns die Stadtführerin das Gutenberg’sche Druckverfahren.

Buchpresse

Drucksatz

„Jetzt muss nur noch die Presse betätigt werden. Wenn Sie wollen, können Sie das machen!“ Und ob ich will! Ich steige also zu Johanna Hein auf das Podest und ziehe nach ihren Anweisungen kräftig am Hebel. Meine Güte, ist das schwer. Der Hebel bewegt sich kaum. Selbst mit vereinten Kräften schaffen wir es nicht, ihn ganz in die gewünschte Endposition zu bringen. Das Ergebnis ist trotzdem zufriedenstellend. Ich bin nun stolze Besitzerin einer selbstgedruckten Seite der Gutenbergbibel. Ein paar alte Exemplare dieser wertvollen Bücher sehen wir uns im Anschluss natürlich auch noch an.

Jessi an der Presse

Während die beiden Asiatinnen den Ablauf des Druckvorgangs üben, schlendern Johanna Hein und ich an hübschen Fachwerkhäusern vorbei zu St. Stephan. Die Kirche thront zwar auf einem kleinen Hügel, scheint von außen aber ein ganz gewöhnliches Gotteshaus zu sein. Im Inneren sticht jedoch sofort der ganze Stolz der Mainzer Gemeinde ins Auge: Die Chagall-Fenster. Die in verschiedenen Blautönen gehaltenen Fenster sind die letzten, die Chagall schuf.

Hier vor dieser kleinen und doch so wertvollen Kirche endet meine Stadtführung durch Mainz. „Schreiben Sie etwas Schönes über Mainz!“ ruft mir Johanna Hein beim Gehen zu. Das werde ich…

Vielen Dank an die mainzplus Citymarketing GmbH für die Einladung nach Mainz. Meine Meinung ist wie immer meine eigene und wird durch die Einladung nicht beeinflusst. Mein besonderer Dank gilt Frau Johanna Hein für die unterhaltsame und informative Stadtführung.

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3 Kommentare

  1. Hallo Jessi,

    ein toller Bericht über Mainz. Vielen Dank für die Einblicke, jetzt war ich schon öfters in der Stadt habe aber noch nie so genau hingesehen, besonders der Tipp mit den roten und blauen Straßenschildern wird mir beim nächsten Mal die Orientierung erleichtern. Und dass ich mal wieder nach Mainz muss, hast du mir jetzt bewiesen, den die Chagall-Fenster kenne ich auch noch nicht!

    Liebe Grüße aus Frankfurt
    Nicole

    • Jessi sagt

      Hallo Nicole,

      vielen Dank! Dann mal los, Mainz liegt ja gleich ums Eck von dir! :-)
      Es gibt sicherlich noch viel mehr zu entecken, aber ich habe einen tollen ersten Eindruck erhalten.

      Sonnige Grüße
      Jessi

  2. Dietmar Weidlich sagt

    Hallo, da bist du bezüglich der Hausnummern falsch informiert worden! Die Nummer werden zum Rhein hin höher!! Nicht umgekehrt. Woher ich das weiß? Habe einmal im Haus Nummer 84 auf der Kaiserstr. gewohnt. (Neben der Christuskirche, die bekanntlich ziemlich nahe am Rhein liegt.) Ansonsten ein toller Bericht!

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