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Warum Lennep nicht gleich Remscheid ist und andere Bergische Geschichten

Schon bald nach dem Überqueren der Müngstener Brücke halte ich am ersten Bahnhof in Remscheid. Es folgen zwei weitere und anschließend fahre ich eine ganze Weile durch die Natur, so dass ich schon glaube, den Bahnhof Lennep verpasst zu haben. Doch ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass wir den Remscheider Stadtteil erst in wenigen Minuten erreichen und so ist es dann auch. Schon merkwürdig, dass zwischen dem Stadtkern und dem Ortsteil Lennep so viel „Nichts“ liegt… Hierzu kann mir Claudia Holtschneider sicher etwas erzählen, die mich gemeinsam mit Franz Werner von Wismar und Sylke Lukas am Bahnhof in Empfang nimmt.

Lenneper Idylle (1 von 1)

Als erstes erfahre ich, dass Lennep und Remscheid nicht immer zusammen gehört haben. Das erklärt auch die große Distanz zwischen den beiden Orten. Und hierbei spricht Claudia Holtschneider nicht nur von der geographischen Distanz sondern auch von einer emotionalen. Das scheint allerdings generell typisch für das Bergische zu sein, denn Silke Lukas erzählt, dass sich neben den Remscheidern auch die Solinger mehr als Bewohner eines Stadtteils als der entsprechenden Stadt fühlen. Man ist also eigentlich nicht Remscheider sondern Lenneper. Nicht Solinger sondern Ohligser. „Das gilt übrigens auch für Wuppertal“, fügt Sylke Lukas noch hinzu. Dass die Lenneper diese „Tradition“ ganz besonders energisch aufrecht erhalten, begründet Claudia Holtschneider damit, dass Lennep lange vor Remscheid Stadtrechte besaß. Trotzdem ist die Kleinstadt 1929 eingemeindet worden und gehört seitdem zu Remscheid.

Kirche im Dorf (1 von 1)

Da die Anfänge der Stadt Lennep auf das 12. Jahrhundert datiert werden, entspricht die Form des Zentrums einer typischen mittelalterlichen Stadt. Von der Stadtmauer, die Lennep einst im wahrsten Sinne des Wortes umrundet hat, ist nichts mehr zu sehen. Noch erhalten ist der Wassergraben, der jedoch auf Veranlassung reicher Tuchmacherfamilien abgedeckt worden und unter einer Parkanlage verschwunden ist.

Gasse (1 von 1)

Holzhaus mit Rosen (1 von 1)

Dass die Stadt noch heute in dieser Form erhalten ist, ist den Lennepern zu verdanken. Nach einem von vielen Bränden hatte der Herzog von Berg den Bürgern einen Steuererlass versprochen, wenn sie die Stadt nach seinen Wünschen wieder aufbauen würden. Der Herzog residierte zu dieser Zeit in Mannheim und die damaligen Lenneper schienen nichts von einer solchen in Quadraten angelegten Stadt gehalten zu haben. Also bauten sie Lennep in seiner ursprünglichen Form wieder auf und verzichteten auf den Steuererlass.

Stadtplan (1 von 1)

Seufzerbrücke (1 von 1)

Als wir vor dem ehemaligen Hertie-Gebäude stehen, erzählt Franz Werner von Wismar aus längst vergangenen Zeiten. Einst war Lennep eine reiche Tuchmacherstadt und die großen Industriellen-Familien besaßen ganze Anwesen, die neben dem prachtvollen Wohnhaus auch die Kontore und weitläufige Gärten umfassten. Eines dieser Anwesen befand sich genau dort, wo heute das leerstehende Kaufhaus auf seine neuen Mieter wartet. Franz Werner von Wismar erzählt, dass es in diesem Garten eine Kastanienallee gegeben haben soll, deren Bäume keine Früchte trugen. Die Dame des Hauses pflegte nämlich, hier zu lustwandeln und sollte natürlich nicht von einer hinabfallenden Kastanie getroffen werden. „Außerdem soll es einen Tunnel zwischen dem Wohnhaus und dem Kontor gegeben haben. So musste der Herr des Hauses nicht den Garten durchqueren. Den Tunnel hat man allerdings nie gefunden…“, erzählt Franz Werner von Wismar schmunzelnd.

Plätzchen vorm Haus (1 von 1)

Während unseres Rundgangs durch das historische Lennep fallen vor allem die typischen bergischen Fachwerkhäuser mit den grünen Fensterläden und Türen auf. Fachwerkhäuser? Ich bin ein wenig erstaunt, denn vom Fachwerk ist meist nichts zu erkennen. Stattdessen blicke ich auf grauen Schiefer. „Den Schiefer hat man früher insbesondere an der Wetterseite angebracht, um das Fachwerk zu schützen“, erklärt mir Claudia Holtschneider. An einigen Stellen ist das Fachwerk mittlerweile wieder frei gelegt oder aber es war nie mit Schieferplatten überdeckt worden. Ich erfahre außerdem, dass viele Häuser leer stehen und drohen, zu verfallen. Ein in Lennep ansässiger Italiener hat so einige dieser Häuser aufgekauft und so erstrahlen sie dann doch wieder in neuem Glanz. Allerdings sitzt er derzeit im Gefängnis… „Mafia!“ raunt Claudia Holtschneider, als Sylke Lukas sie fragend anschaut.

Bergisches Fachwerkhaus (1 von 1)

Bergisches Schieferhaus (1 von 1)

Zu einer der Lenneper Kirchen, die heute als Gastronomie und Veranstaltungsort genutzt wird, gibt es die nächste Geschichte. Gebaut wurde sie 1696 als Klosterkirche, die ca. 100 Jahre später der Säkularisierung zum Opfer fiel. Nach jahrelangem Leerstand kaufte ein Textilunternehmer die Klostergebäude und stellte in der ehemaligen Kirche Trikotagen her. Diese wurden von den Lenneper Damen genutzt, um die erste Wellnessanlage – Schlammlöcher – zu nutzen, während die Herren ohne jegliche Bekleidung in die natürlichen Wannen stiegen. Für die Trikotagen gab es sogar eine Medaille auf der damaligen Weltausstellung.

Wellness in Lennep (1 von 1)

Ein Rundgang durch Lennep ist durchaus eine spannende und erheiternde Angelegenheit. Vor allem, weil man nie weiß, welche Geschichten der Wahrheit entsprechen und zu welchen das ein oder andere hinzugedichtet wurde. Da Lennep bei seinen vielen Bränden, während der Kriege und auch zur Eingemeindung all seine Urkunden verloren hat, ist alles eine bunte Mischung aus Wissen und Legenden. Eines ist jedoch gewiss: Wilhelm Conrad Röntgen ist wohl der berühmteste Sohn der Stadt. Aber auch Heinz Rühmann ging hier zur Schule.

Zwei Hausnummern (1 von 1)

Vielen Dank an Die Bergischen Drei für die Einladung nach Lennep. Ganz besonders möchte ich auch Claudia Holtschneider, Franz Werner von Wismar und Sylke Lukas für den kurzweiligen Rundgang durch Lennep danken. Meine Meinung ist wie immer meine eigene.

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4 Kommentare

  1. Da ist Dir ein klitzekleiner Fehler unterlaufen: Es muss heißen „Herzog von Berg“ und nicht von Burg. Auch wenn Schloss Burg der Stammsitz der Grafen von Berg war. Es ist ja nicht umsonst das Bergische Land und nicht das Burgische ;-)

  2. Das ist ein schöner Artikel über Lennep! Das schmucke Bergische Städtchen, sorry, der Stadtteil von Remscheid, ist ja gar nicht weit von Wuppertal entfernt. Da muss ich unbedingt mal wieder hinfahren. Da habe ich durch Deinen Artikel richtig Lust zu bekommen! Und das mit Heinz Rühmann wusste ich auch noch nicht.
    Viele Grüße, Meike

    • Jessi sagt

      Danke, das freut mich! Für dich ist es ja wirklich ein Katzensprung. :-)

      Sonnige Grüße
      Jessi

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